Leben ohne Uni – geht das überhaupt?

Die TU Dresden hat es vorgemacht und vielleicht ziehen ja einige andere Hochschulen und Universitäten nach.

Am 10. November 2013 hat die TU Dresden über 30.000 seiner Studenten (um bei der Wahrheit zu bleiben: versehentlich) exmatrikuliert – wahrscheinlich in weiser Voraussicht und zur Unterstützung des Lernens 2.0. Denn wozu noch an einer Uni immatrikuliert sein, wenn sowieso alles nur noch übers Internet läuft!? Die Vorlesungen gibt es nicht nur verschriftlicht, sondern mittlerweile auch im Videoformat online zu finden; Studenten bilden keine Lerngruppen mehr und treffen sich gemeinsam in der Bibliothek, um die letzte Vorlesung nochmal durchzusprechen und über verschiedene Fakten zu diskutieren, sondern bilden Facebook-Gruppen, twittern sich die wichtigsten Neuigkeiten und tauschen Scripte und Ideen über Dropbox oder andere Datentauschplattformen aus und die Zahl der Online-Seminare nimmt sowieso mit jedem Semester zu.

Sieht so also die Zukunft des Lernens und Lehrens aus? Müssen wir in 25 Jahren überhaupt noch zur Uni gehen?

Meiner Meinung nach spielt da vor allem die technische Entwicklung eine starke Rolle. Wenn man sieht, wie viel heutzutage schon möglich ist, mit Hilfe der modernen Medien, wie sehr unsere Gesellschaft abhängig davon ist und den Alltag eigentlich schon gar nicht mehr ohne Computer bewältigen kann und vor allem auch, wie rasant die Technik in den letzten 20 Jahren fortgeschritten ist, dann ist eine Gesellschaft, in der die Leute nicht mehr die tatsächliche, reelle Institution Universität bzw. Hochschule besuchen in den nächsten 30 bis 50 Jahren durchaus vorstellbar.

Vorstellbar, aber keine Vorstellung, die sich durchsetzen wird.

Warum? Ein wichtiger Punkt ist mitunter die persönliche Art und Weise zu lernen. Jeder Mensch hat eine andere Herangehensweise an das Lernen und einigen fällt es schwer, die Konzentration zu wahren, während online ein Livestream einer Vorlesung läuft, wo das Internet doch so viele andere attraktive Zeitvertreiber zu bieten hat. Also lieber zur Uni fahren, in die Vorlesung setzen und mehr oder weniger gezwungen sein aufzupassen. Außerdem ist es so viel unkomplizierter, dem Dozenten entsprechende Rückfragen zu stellen oder an der ein oder anderen Stelle nochmal genauer nachzuhaken, als wenn man anschließend noch 10 Mails hin und her schicken muss. Und mal ganz ehrlich, gehen wir alle nicht auch einfach deshalb in die Uni, um dort unsere Freunde und Bekannte wieder zu treffen, einen netten Plausch nach der Vorlesung in der Mensa zu halten oder um uns im Anschluss des Seminars noch gemeinsam in die SLUB zu setzen und die Matheaufgabe nocheinmal durchzurechnen, die während des Seminars keiner so richtig kapiert hat?! Wo bleibt dieser soziale Faktor, der ein wesentlicher Motivationsbringer ist, wenn alles nur noch online und somit auch wesentlich anonymer abläuft?

Und eine Institution wie diese der Universität, deren Geschichte bis ins 6. Jahrhundert zurückführt, welche sich also über Jahrhunderte hinweg in die gesellschaftliche Entwicklung etabliert hat, innerhalb von wenigen Jahrzehnten wieder aus dem gesellschaftlichen Leben verschwinden zu lassen oder sie zumindest so stark abzuwandeln, dass sie nicht mehr als tatsächliche Institution erkannt werden kann, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.

‘The Economist’ schrieb einen Satz, den ich sehr einprägsam in Bezug auf die Zukunft der Universitäten fand:

MOOCs presage a period of great change in higher education, but they will not kill off the traditional degree. After all, people still want to buy vinyl records in an era of MP3s.

(The Economist. Will MOOCs kill university degrees? 1. Oktober 2013. <http://www.economist.com/blogs/economist-explains/2013/10/economist-explains>)

Es lässt sich also sagen, dass eine Welt ohne Universitäten nicht absolut ausgeschlossen werden kann und sich diese Entwicklung mitunter schneller vollziehen kann, als die Etablierung der Universitäten, jedoch eben aufgrund dieser bis zum heutigen Tage stattgefundenen Etablierung es nicht vermuten lässt, dass wir innerhalb der nächsten 25, ja meinetwegen auch innerhalb der nächsten 50 Jahre den kompletten Gegensatz erreichen und ein Leben ohne Universitäten der Standard sein wird.

9 thoughts on “Leben ohne Uni – geht das überhaupt?

  1. Zur vermeindlichen Exmatrikulation möchte ich einmal loswerden: Auch wenn die Medien es aufbauschen und schöne Horror-Schlagzeilen schreiben: Niemals hatte das Imma-Amt irgendwas mit der Rechnerpanne zu tun! Auch wir Mitarbeiter haben diese Mail bekommen und es ging lediglich um die Löschung des ZIH-Logins, niemals um die Exmatrikulation! Ich finde es mal wieder bezeichnend wie die Medien diesen Bug im System so aufwirbeln!

    • Dass das ganze nur um den ZIH-Login ging und das Imma-Amt nichts mit der Panne zu tun hatte, ist mir bewusst. Ich wollte auch um Himmels willen niemanden mit diesem Post kritisieren oder einen Vorwurf machen. Hatte es nur als aktuell passenden ironischen Einstieg in das Thema gesehen. Also liebe Blogleser – bitte nicht falsch auffassen!

      • Mich hat das generell nur aufgeregt, dass eine kleine Rechnerpanne (mit zugegebenermaßen 40.000facher Wirkung) so ein Trubel erregt. Aber das war natürlich ganz und gar nichts gegen Deinen Blogpost. Ich habe eben diesen Text auch noch auf meine Facebook-Seite gepackt, weil ich das Gefühl hatte, dies der Welt mitteilen zu müssen.

  2. Hi austrellia, die Quellen würde ich immer direkt verlinken – du kannst im Text-Editor einfach das betreffende Wort oder auch mehrere Wörter markieren, auf das Link-Symbol klicken und den Link einfügen!

  3. Ja ja, ich war auch eine von denen, die so eine schöne Mail bekam. Aber ich dachte mir schon gleich, dass das nur ein Versehen sein kann. Ich kenne aber auch welche, die gleich Panik geschoben haben. Wäre eigentlich ein super 1.April-Scherz gewesen xD

    Du hast ganz schön beschrieben, wieso eine MOOC basierende Lerngestaltung auch in 50 Jahren noch eher unwahrscheinlich ist. Also eine ganz ohne Universitäten. Du hast das Ganze sehr persönlich geschrieben. Ich z.B. kann mir eine technische Umgestaltung in so kurzer Zeit auch eigentlich nicht vorstellen. Aber wenn ich daran denke, dass wir 69 erst auf dem Mond waren und heute den Mars untersuchen…bzw. wenn man bedenkt, dass nur ca. 60 Jahre vorher zum ersten mal ein Flugzeug in der Luft blieb. Und heute haben wir Apps für alles. Zumindest die Smartphone-Besitzer. Andererseits denke ich, wird das auf die Masse etwas schwieriger. Die ganze Technik um mehrere Millionen Menschen mit Material zu versorgen, allein die Serverbelastung. Ich hab selbst kaum Ahnung davon. Aber alles zu digitalisieren wird sicherlich ein Monstrum an Arbeit und Kosten. Zumindest halte ich daher MOOCs in 25 Jahren als Alleinausstatter fürs Studium schon unwahrscheinlich.

    Die Frage ist ja jetzt, wenn die Entwickler tatsächlich technisch alles so hinbekommen, muss man sich dann nicht fragen, ob unser Austausch an der Uni noch genauso wäre, wie jetzt. Ich meine, wenn ich mit Leuten zusammen arbeite, sitzen die auch schon immer zu mit ihren Handys da und sind zum Teil kaum anwesend. Und wenn in 25 Jahren alles so weiter exponentiell wächst, wer sagt dann, dass wir nicht über den Computer nicht schon fast wie im analogen Leben miteinander kommunizieren könnten. Meine Frage wäre also: Glaubst du das würde deine Einwände revidieren? Nimm mal an, du hast eine Gruppe aus deinem Kurs, die alle ein Thema bearbeiten wollen. Statt euch also im “Real-life” zu treffen, kommuniziert ihr übers Internet. Jetzt ist die Technik so weit, dass du sowas wie Hologramme über deinen Bildschirm empfangen kannst. 3D in 25 Jahren eben. Ich bin zwar gegen Geruchsempfang, aber wer weiß. Wäre es da noch nötig sich zu treffen?

    Und was die Institutionen angeht…die Universität ist ja nicht gleich geblieben. Erst gehörten nur reiche Männer zur Elite, dann auch die Mittelklasse und heute können “sogar” Frauen studieren, das Einkommen ist dabei fast unerheblich. Zumindest wird man in Deutschland unterstützt. Wenn ich daran denke, dass ich selbst aus einer kommerziell schwachen Familie stamme, ohne Finanzspritze wäre ein Studium unmöglich gewesen. Universitäten müssten nicht abgeschafft werden, nur überführt in ein anderes Medium. Wie Bücher zu Hörbüchern etwa.

    Ansonsten stimme ich dir aber eigentlich in allem zu. Mir fällt es auch schwer mir das wirklich vorzustellen.

  4. Das mit der Serverbelastung habe ich mir auch gedacht. Mein PC würde wahrscheinlich schon sagen: “Ohne mich”, wenn ich einen Videochat mit angenommen 10 Leuten testen würde. Aber mein PC ist, wenn man die heutige technische Entwicklung betrachtet, auch schon ein Urgestein.

    Um nun aber auf deine Frage zu kommen. Das finde ich gar nicht einfach zu beantworten. Ich kann es mir einfach sehr schwer vorstellen, mich in der Zukunft per Hologramm-Telefonie zu verständigen. Durchaus ist es aber – für gewisse Studiengänge – möglich, dass die Uni dadurch eine zunehmend schwindende Rolle einnimmt. Das Hologramm meines Kommilitonen sitzt neben mir auf dem Stuhl, wir unterhalten uns über aktuellen Unistoff, das entsprechende Buch, das wir dazu benötigen, finden wir per einem Mausklick im Internet, ein zweiter Mausklick und wir haben beide die gleiche Seite aufgeschlagen, können nebenbei gleichzeitig in unseren Notizen rumkritzeln. Es ist also vorstellbar, jedoch für mich dennoch nicht das selbe, wie wenn mein Kommilitone tatsächlich neben mir sitzt und wir, um eine Pause zu machen, gemeinsam in die Mensa gehen (und dort evtl noch ein wenig weiter über das Thema zu diskutieren). Die soziale Ebene, die außerhalb/neben des Unilebens mit den Komilitionen stattfindet, fehlt eindeutig.

    Und ich habe gesagt, für gewisse Studiengänge sei es vorstellbar. Da beziehe ich vor allem geisteswissenschaftliche Studiengänge (ich studiere selbst Germanistik) mit ein. Sprich, Studiengänge, die stark theorielastig sind. Ganz anders sieht das wiederum bei den Naturwissenschaften aus. Angenommen Chemie- oder Physikstudenten – wenn diese gemeinsam ein Experiment durchführen müssen, in dem viel mit Chemikalien, Technik etc gewerkelt wird, ist es durchaus ungünstig, dies nur über Hologramme zu tun. Nicht jeder der Gruppe hat ein Labor zu Hause, in dem das Experiment durchgeführt werden kann, also macht es nur Sinn, sich gemeinsam im Uni eigenen Labor zu treffen. Auch Maschinenbaustudenten, die gemeinsam an einer entsprechenden Maschine werkeln müssen oder Biologiestudenten, welche in Gruppen das Planktonvorkommen, von fünf heimischen Seen untersuchen und auswerten müssen. Meines Erachtens kann da über reine technische Vernetzung keine (vernünftige) Zusammenarbeit zustande kommen.

    Was die Entwicklung der Univeristät anbelangt:Angenommen die Institution an sich wird vollkommen abgeschafft und die gesamte Lehre läuft nur noch übers Internet – ist es da nicht von großer Wahrscheinlichkeit, dass die Universitäten dann doch einen finanziellen Beitrag der Studenten verlangen? Für das Warten der Webseiten; die ganze Technik, die für das produzieren der Video-Vorlesung notwendig ist; die Organisation, die auch beim Onlinestudium nicht unterschätzt werden sollte. Klar, als Student spart man wahrscheinlich dennoch in sofern, dass man bei seinen Eltern wohnen bleiben kann und keine extra Wohnung finanziert werden muss. Dass das Online-Lernen in 25-50 Jahren komplett kostenfrei ist bzw. bleiben wird, kann ich mir in unserer profitorientierten Welt nicht vorstellen. Sollte ich mich irren, wäre dies allerdings ein super Schritt nach vorne, den ich sehr unterstützen würde.

    • Stimmt schon. Ich habe selbst mal Biologie studiert. Die vorlesungsfreie Zeit ist allein schon mit Praktika vollgestopft. Ich glaube eh, dass es am Ende auf eine Symbiose hinauslaufen wird. Also solche Dinge wie MOOCs und Präsenzveranstaltungen, darunter eben auch Praktika usw. Aber man kann ja auch solche Fächer im Fernstudium studieren. Das ist natürlich ausbaufähig, aber vorstellbar allemal. Ich fürchte dann eher, dass man weniger Motivation hat, wenn man selbst gar nicht mehr das Haus verlassen muss. Aber klar, wir haben so lange an dem Ausbau von “Innen” gearbeitet, dass wir “Draußen” gar nicht mehr wollen ;D

      Was den Profit angeht, stimme ich dir komplett zu. Das zumindest, da bin ich sicher, wird sich niemals ändern. Die Leute wollen Geld verdienen und wenn das am Ende alles online verfügbar wäre, gänge das sogar noch leichter als bisher den Leuten Geld für alles abzunehmen.

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